Unterirdische Bauwerke sind die Zukunft


Dieses Interview ist Teil einer ganzen Serie zu den Wurzeln von Implenia, und darüber, wie Implenia die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Schweiz und vieler weiterer Länder geprägt hat und prägt.
Hanspeter, was fasziniert dich am Tunnelbau?
Ich bin in einer Schreinerei aufgewachsen und wollte eigentlich Holzbauingenieur werden. Doch dann habe ich an der ETH Zürich im Rahmen meines Studiums zum Bauingenieur die Vorlesungen bei Prof. Robert Fechtig und Prof. Kalman Kovari über Untertagbau und Felsmechanik besucht. Da war es um mich geschehen. Die unterschiedlichen Gesteinsmassen, die Vielfalt der Bauverfahren, die riesigen Maschinen und dann die stete Unsicherheit, die Unwägbarkeiten und auch Risiken… Das hat mich nicht mehr losgelassen. «Vor der Hacke ist es düster», sagt man ja im Tunnelbau. Und genau das fand ich spannend. Im Tunnelbau muss man mit Überraschungen leben und das heisst: Man muss in Alternativen denken. Nach dem Studium habe ich 1989 bei Locher & Cie. angefangen, die damals im Tunnelbau führend war in der Schweiz. Seitdem bin ich Tunnelbauer.
Welches war für dich der spannendste Tunnelbau, den du in deiner langen Karriere erlebt hast?
Wie oben angedeutet: Jeder Tunnelbau ist anders und spannend. Aber wenn ich mich entscheiden müsste: Erstens meine erste Tunnelbaustelle, den Bözbergstrassentunnel. Dort kam zum ersten Mal eine Schildtunnelbohrmaschine, die eigentlich für Lockergestein ausgelegt ist, in Kombination mit einem Hartgesteinsbohrkopf zum Einsatz. Doch wenn es einen Tunnel gibt, bei dem ich sagen würde, das ist «mein» Tunnel, dann ist es der Murgenthaltunnel. Da war ich zum ersten Mal Baustellenchef. Den Vortrieb haben wir mit der Tunnelbohrmaschine aus dem Bözbergtunnel in nur knapp zwölf Monaten gemeistert. Im September 1998 war der Durchstich. Zu diesem Zeitpunkt bahnte sich die Übernahme der Bauunternehmung von Locher durch Zschokke an, die ebenfalls in der ARGE Murgenthal beteiligt war. Einige Monate später war ich Leiter Tunnelbau bei Zschokke Locher.
Mit dem Zusammenschluss von Zschokke und Batigroup hast du 2006 abermals einen neuen Arbeitgeber erhalten: Implenia. Wie ging die «Vermählung» der beiden Tunnelbaueinheiten über die Bühne?
Implenia hat das Beste aus zwei Welten zusammengeführt und damit einen wichtigen Grundstein für die weitere erfolgreiche Entwicklung im Tunnelbau gelegt. Wir von Zschokke Locher hatten unsere Stärke zweifellos im maschinellen Tunnelbau, also mit Tunnelbohrmaschinen. Die Batigroup hingegen hatte eine starke Expertise im modernen Sprengvortrieb, der nach wie vor in Hartgestein wie damals im Vereinatunnel Süd die beste Wahl sein kann. So kam bei der Gründung von Implenia das geballte Know-how von 750 Tunnelbauingenieurinnen, -ingenieuren und -arbeitenden zusammen. Und Implenia hat auch später mit seinen Akquisitionen nicht nur Märkte, sondern auch weiteres Know-how dazugekauft. Bilfinger Construction aus Deutschland, die 2015 dazu gekommen ist, war beispielsweise hervorragend aufgestellt im Schildvortrieb in gleichmässigen Lockergesteinsschichten mit Hilfe von sogenannten Erddruck- oder Hydroschilden, bei denen der Abbauraum an der Brust konstant unter Druck gehalten wird; das verhindert Setzungen oder Wassereinbrüche.
So viel «Manpower» kann aber auch eine Belastung werden, wenn Aufträge fehlen. Denn Tunnelbau ist ein sehr zyklisches Geschäft. Wie ist Implenia mit dieser Herausforderung umgegangen?
Bei der Gründung von Implenia waren die grossen Projekte im Rahmen der NEAT – Lötschberg, Gotthard und Ceneri – bereits am Laufen. Das hiess: Noch hatte Implenia volle Auftragsbücher. Aber ja: Ein Ende dieses Booms war absehbar. Deshalb hat Implenia beschlossen, das Tunnelbau-Know-how auszuweiten und im Ausland aktiv zu werden, auch durch Akquisitionen: in Norwegen haben wir 2011 Betonmast Anlegg übernommen, vier Jahre später in Deutschland Bilfinger Construction, zudem in Österreich und Frankreich Tochtergesellschaften gegründet.
«Implenia ist das einzige Unternehmen, das alle vier grossen Alpentransversalen mitgebaut hat bzw. mitbaut.»
Hans-Peter Stadelmann
Durch den Zusammenschluss von Zschokke und Batigroup hat Implenia rund zwei Drittel des Gotthard-Basistunnels gebaut. Wie wichtig war dieses Projekt für Implenia?
Der Gotthard-Basistunnel war ein Milliarden-Projekt, der längste Eisenbahntunnel der Welt, ein Schweizer Bauwerk mit weltweiter Ausstrahlung. Wir haben dort ausgezeichnete Arbeit geleistet und diese Erfahrungen waren Gold wert für die Zukunft des Tunnelbaus von Implenia. Nicht zuletzt deshalb, weil der Gotthard ja nur die erste der vier grossen Alpenstransversalen war. Danach kamen der Semmering- und der Brenner-Basistunnel in Österreich, an denen wir aktuell arbeiten, und auch in Frankreich sind wir mit dem Mont-Cenis-Tunnel beim Lyon-Turin-Projekt weiterhin beschäftigt. Implenia ist das einzige Unternehmen, das alle vier grossen Alpentransversalen mitgebaut hat bzw. mitbaut. Das ist eine Topleistung. Der Grundstein dafür waren die Referenzen aus dem Gotthardprojekt sowie die Internationalisierung von Implenia.
Wie geht es mit der Internationalisierung weiter?
Tunnelbau ist ein Nischengeschäft, das jedoch ausschliesslich aus Grossprojekten besteht. Wir bündeln bei Implenia mittlerweile so viel Know-how – auch in international einsetzbaren Bau-Teams – dass wir vermehrt über den Tellerrand der Alpenländer und Skandinaviens hinausschauen. Europa bleibt aber der Fokus. Dabei können auch neue Arten von Partnerschaften zum Zuge kommen wie das frühzeitige Einbinden von Bauherren, Planern und ausführenden Unternehmen (Early Contractor Involvement ECI) und eine integrierte Projektabwicklung (Integrated Project Delivery IPD). Zudem beschränkt sich Tunnelbau nicht nur auf Schiene und Strasse, Energieproduktion und -verteilung oder auch Minen sind weitere Einsatzbereiche.
Du bist heute im Zentralvorstand des Schweizerischen Baumeisterverbands (SBV) und hast im Vorstand der Infra Suisse elf Jahre lang die Fachkonferenzen Untertagbau geleitet und dich dort intensiv für das Thema Nachhaltigkeit eingesetzt. Was bedeutet Nachhaltigkeit im Tunnelbau?
Anfangs wurde ich bei diesem Thema belächelt. Aber ich bin bis heute felsenfest überzeugt: Wir sind verpflichtet, unseren Nachkommen eine Erde zu überlassen, die lebenswert ist. Und die Bauwirtschaft und vor allem der Tunnelbau ist ressourcenintensiv. Wir brauchen grosse Mengen Beton und Zement. Umso wichtiger ist, dass in die Umweltverträglichkeit der Baustoffe und deren Herstellung investiert wird, und dass das politisch gefördert wird. Hinzu kommen Bauprozesse: Früher wurde der Abraum oft mit riesigen Dumpern ausgefahren. Aber wie zum Beispiel beim Weinbergtunnel in Zürich haben wir den ganzen Abraum über Förderbänder nach Oerlikon und von dort per Zug auf die Deponie transportiert. Wichtig ist, dass wirksame Massnahmen vermehrt auch in die Ausschreibungsverfahren integriert werden, und nicht mehr nur auf den Preis geschaut wird. Seit dem neuen Bundesgesetz über das öffentliche Beschaffungswesen 2021 haben wir nicht mehr nur einen Preis-, sondern auch einen Qualitätswettbewerb. Und das ist gut so.
Wie sieht für Implenia die Zukunft des Tunnelbaus aus?
In den Alpen wird es weniger zu tun geben. Wir werden weiter Tunnelbauprojekte in unseren Kernmärkten akquirieren. Gleichzeitig machen wir nicht nur Tunnelbau, sondern Untertagbau. Und in unterirdischen Bauwerken sehe ich eine grosse Zukunft. Denn generell wird Boden immer knapper – nicht nur in der Schweiz. Der Untergrund bietet da Ausweichmöglichkeiten, die von unterirdischem Gütertransport oder Rechenzentren bis hin zur Landwirtschaft reichen, dem «Underground Farming». Derzeit wird beispielsweise im Versuchsstollen Hagerbach, in dessen Verwaltungsrat ich Implenia vertreten darf, der unterirdische Anbau von Salat erforscht. Hinzu kommen Energiethemen wie Speicherung, Fernwärme und Stromwege, die in Zukunft ebenfalls vermehrt unter die Erde verlagert werden. Für diesen Underground-Megatrend ist Implenia bestens aufgestellt.


