Grossprojektkompetenz, Partnering, BIM und Lean: Schlüsselkompetenzen für den Erfolg

Ein Partnerschaftsmodell bietet im Verlauf eines Projekts viele Hebel, um das Projekt sicher zu steuern und zu realisieren. Aber es hat auch einen langen Vorlauf, um sich mit dem Bauherrn, den Architekten und dem eigenen Team zu finden, die Erwartungen zu klären und alles unter einen Hut zu bringen. Und das braucht neben dem Willen vor allem Vertrauen und auch viel Zeit und viele Gespräche. Wir zeigen am Projekt Südcampus Bad Homburg wie das zweistufige Partnerschaftsverfahren umgesetzt wird.

Wie vom Kunden gewünscht

Mit Wüstenrot hat Implenia einen Bauherrn am Tisch, für den das Thema Partnering kein Buch mit sieben Siegeln ist. Die Ausschreibung sah bereits ein zweistufiges Verfahren vor. Wüstenrot eruierte mit mehreren Generalunternehmen die Möglichkeiten eines Partnering, das Modell der Implenia Niederlassung Grossprojekte hat sich hierbei durchgesetzt.

Nach der Expo Real 2018 hatte Implenia das Angebot, sich zu präsentieren und sein Partnering-Modell vorzustellen gerne angenommen. Das Team aus Grossprojekt-Geschäftsleitung und Designmanagement überzeugte durch ein klar strukturiertes und erprobtes Partnering-Modell und man ging mit Wüstenrot in Vertragsverhandlungen, die im Frühjahr 2019 zu einem zweistufigen Vertrag führten, wie ausgeschrieben.

Phase 1, die Pre-Construction-Phase, umfasst die verschiedenen Planungs- und Genehmigungsschritte bis zur Angebotslegung, Phase 2 die Ausführungsplanung und die bauliche Umsetzung.

Phase 1, die die Leistungsphasen 1-4 nach HOAI* umfasst, wurde von einem gemeinsam ausgesuchten und von Wüstenrot beauftragten Architektenteam bearbeitet. Alle weiteren Fachplanungen und die Gesamtkoordination erfolgten durch die Niederlassung Grossprojekte. Die Definition, was gebaut werden soll, wie die Neubauten dimensioniert werden, welche Produktstandards realisiert werden sollen, hat das vielköpfige Team von Bauherr, Designmanager, Architekten, Fachplanern und Ausführenden stets mit dem Ziel der Optimierung gemeinsam erarbeitet. Der Entwicklungsprozess wurde regelmässig durch die Kalkulation der Niederlassung begleitet und anhand belastbarer Indikationen bei Bedarf neu ausgerichtet.

Bis zum Abschluss der Genehmigungsplanung im Sommer 2020 hat das eineinhalb Jahre in Anspruch genommen. Das Ergebnis: ein variantenreicher Wohnungsmix, der auch in den folgenden Planungen einen zeitlich hohen Aufwand erforderte.

Das Projektgeschäft braucht gute Kommunikation

Schon für die Genehmigungsplanung wurde das Bauvorhaben Baufeldweise gegliedert und die Bauanträge wurden gestellt.

Die regelmässigen Workshops in definierten Kreisen mit guter Fachkenntnis, die aktive Abstimmung mit dem Bauherren in Planungsbesprechungen und die frühzeitige Einbindung eines erfahrenen operativen Bauteams und der Kalkulation haben die bevorstehende Realisierung, trotz der anspruchsvollen Komplexität eines neuen Stadtquartiers mit Erschliessung und Anbindung an die vorhandene Umgebung, erst möglich gemacht. Der kooperative Umgang, das Agieren auf Augenhöhe und das Verfolgen eines gemeinsamen Ziels hat dazu massgebend beigetragen.

Eine Besonderheit beim Südcampus: Implenia hat mit seinen Planern und dem Architektenteam von Beginn an alle Leistungsphasen vollzogen und aktiv die Steuerung übernommen. Ergänzt durch eigene Fachplanungen der Hochbau Engineering für Statik und Tragwerk wurden die Phasen im stetigen Abgleich mit dem operativen Team fortgeschrieben. Der grosse Vorteil: Alle steckten schon vor Beginn der eigentlichen Ausführungsplanung, vor Angebotskalkulation und weit vor Ausführung tief im Projekt und waren mit seinen Details vertraut.

Die Ausführungsplanung, die sogenannte Leistungsphase 5 der HOAI*, nimmt aufgrund der Grösse des Projektes nochmals mehrere Monate vor Ausführung in Anspruch. In dieser Leistungsphase ist weiterhin ein intensiver Austausch unter allen Planungsbeteiligten, Ausführenden und unter Einbindung von Produktherstellern wichtig. Durch die fachkundige Führung durch unser Team können so im Rahmen des fortschreitenden Value Engineerings Detailfragen bestmöglich in fachlicher und wirtschaftlicher Hinsicht gelöst werden. Basis dafür bietet das BIM-Modell, anhand dessen Bauteile und Materialien mit Mengenansatz definiert werden. Die so gewonnenen Daten werden in Leistungsbeschreibungen und -verzeichnissen, genauso wie in Bestellmengen von Beton und Stahl und anderen Materialien sowie in zeitlichen Ablaufplänen verwendet.

Das Implenia Team zusammen stellen und aufeinander einstimmen

Schlüsselrollen von Beginn an sind unsere Projektleitung und Kalkulatoren, die ihre Erfahrung auf der Angebots- und Ausführungsseite frühestmöglich einbringen sowie der Designmanager, der die Planungsphasen in vielen Projekten durchlaufen hat und alle Schnittstellen und möglichen Knackpunkte auch aus operativer Sicht kennt. Die Planungs- und Ausführungssteuerung sind die Kernkompetenzen, von denen das Gelingen eines Projekts massgeblich abhängt.

Als Konstante im Projekt Südcampus hat Kolja Schmidt als Designmanager und Leiter des Technischen Innendienstes der Niederlassung von Anfang an die Schlüsselrolle besetzt. Alexander Korth wurde als Senior-Projektleiter mit seinem Ausführungsteam schon in der Planungs- und Angebotsphase aktiv mit eingebunden.

Digitalisierung am konkreten Projekt

BIM war vom Bauherrn nicht vertraglich gefordert. Dennoch arbeiten alle beteiligten Planer modellbasiert und waren ausserdem bereit, zu einem frühen Zeitpunkt an einem BIM Abwicklungsplan mitzuwirken. Die Modelle wurden regelmässig über eine gemeinsame, von Implenia zur Verfügung gestellte Plattform ausgetauscht.

Die Architektenmodelle dienten zudem als Grundlage für die modellbasierte Angebotskalkulation. Somit musste intern nicht nochmals modelliert werden, sondern die vorhandenen Modelle konnten durch die Niederlassung weiterverarbeitet und ausgewertet werden.

Für die Ausführungsphase ist geplant, durch den Einsatz mobiler Endgeräte die aktuellen Pläne und das verknüpfte Modell für das Baustellenteam auch ausserhalb des Baucontainers jederzeit zur Verfügung zu stellen. Ausserdem sollen z.B. BIM-basierte Mengenauszüge für die Ausschreibung von Nachunternehmer-Leistungen und deren Abrechnung, sowie für Stücklisten den Baualltag erleichtern. Hier liegt auch die Schnittstelle zu den Lean-Construction-Taktplänen, da unter anderem Leistungswerte mit Mengenvorgaben aus dem Modell daran gekoppelt sind.

Der Plan, die Methode und die Realisierung

Um ein Projekt zu einem guten Abschluss zu führen, muss von Anfang an darüber nachgedacht werden, wie man das komplexe Geschehen auf der Baustelle gut miteinander verzahnt, so dass es einen reibungslosen Arbeitsfluss ergibt. Beim Südcampus sind das Thema Bauzeit und die Ausnutzung von sich wiederholenden Vorgängen und Abläufen wesentlich. Durch die sieben zum Teil gleichzeitig zu realisierenden Baufelder ist das Ausarbeiten von geregelten Gewerkezügen, getakteten Materialeinsätzen und Lieferströmen in der Umsetzung sehr aufwendig und planungsintensiv. Lean-Methoden helfen bei der Prozess- und Terminplanung, der Baustelleneinrichtung und der Logistik, weswegen eine frühe Einbindung des Lean-Teams wichtig und essentiell ist.

Gesamtprojektleiter Alexander Korth hat sich entschieden, die Vorteile von Lean Construction für den Projekterfolg und die optimale Steuerung zu nutzen. Und das Lean-Team eingeladen, mit den Projektbeteiligten Workshops für die einzelnen Umsetzungsschritte vom Erdbau über den Verbau bis hin zu den verschiedenen Hochbau-Aufgaben durchzuführen.

Die Prozess- und Terminplanung schliesst zukünftig auch die Nachunternehmer ein. Diese müssen für den Projekterfolg regelmässig mit an den Tisch, um Bauprozesse aktiv mitzugestalten und mitzutragen. Erfahrungsgemäss hat dies bei anderen Projekten erheblich zum reibungslosen Bauablauf und zu entspannteren Übergaben beigetragen.

*HOAI: Honorarordnung für Architekten und Ingenieure. Im Hochbau gibt es neun Leistungsphasen, auch Bauphasen genannt. Diese sind in der HOAI definiert, gliedern die Gesamtleistung, die für das Erstellen von Gebäuden erforderlich ist und dienen als Grundlage für die Vergütung.

Wie BIM in dem Projekt eingegliedert wurde

Allgemein:

  • Der Bauherr stellt keinerlei BIM-Anforderungen
  • Durch die Pre-Construction-Phase früher Einstieg in die Planung in LPH2
  • Alle beteiligten Planer arbeiten modellbasiert, z.T. sogar in der gleichen Autorensoftware, die auch Implenia nutzt (Autodesk Revit)
  • Aus diesem Grund frühzeitige Einbindung von PES-BIM, um die modellbasierte Planung zu steuern und zu koordinieren.

Planungsphase:

  • Freiwillige Entscheidung der Planer und von Implenia, BIM in diesem Projekt anzuwenden und bereits in der frühen Planungsphase die Modelle regelmässig untereinander auszutauschen
  • Ziel ist, jedem Beteiligten den aktuellen Stand der Planung schnell und kontinuierlich zur Verfügung zu stellen, Schnittstellenverluste zu minimieren und die Kommunikation und den Informationsfluss im Planungsteam zu unterstützen
  • Dazu war ein BAP (BIM-Abwicklungsplan) notwendig, in dem Regeln für die Zusammenarbeit der einzelnen Planungsbeteiligten (Architekt / Tragwerksplaner / TGA-Planer) klar definiert wurden
  • Der BAP wurde durch Mitwirkung von PES-BIM und der Planer erstellt und kontinuierlich den Anforderungen entsprechend angepasst
  • Zu Beginn regelmässige Überprüfung des BIM-Abwicklungsplans durch PES-BIM, z.B. danach, ob Vorgaben zur Verortung und Struktur eingehalten wurden
  • Der Prozess für die modellbasierte Kollisionskontrolle und das Issue-Management wurde frühzeitig durch Implenia aufgesetzt und mit den Planungsbeteiligten durchgeführt.

Angebotskalkulation:

  • Zusätzlich dienten die vom Architekten zur Verfügung gestellten Modelle als Grundlage für die modellbasierte Angebotskalkulation. Somit musste intern nicht nochmals modelliert werden, sondern die Architektur-Modelle wurden durch Implenia überprüft, mit dem Implenia Content abgeglichen und in iTWO ausgewertet.

Ausführungsphase:

  • Für diese Phase ist geplant, Vorteile der BIM-Methode insbesondere für das Baustellenteam zu generieren
  • Dazu sollen durch den Einsatz mobiler Endgeräte mit der Dalux Field App die aktuellen Pläne und das verknüpfte Modell dem Baustellenteam auch ausserhalb des Baucontainers jederzeit zur Verfügung stehen, was auch die Kommunikation mit den Nachunternehmern erleichtert.
  • Zudem sollen Mengenauszüge zur Materialbestellung oder Abrechnung modellbasiert über die Software Desite ermöglicht werden. Auch farblich angelegte Übersichtspläne für Nachunternehmer sollen zusätzlich aus Revit generiert werden
  • Die Verknüpfung zu Lean und zur Taktplanung erfolgt ebenfalls in Desite und soll z.B. durch sogenannte 4D-Reporte (modellbasiert dargestellte Leistungen je Kalenderwoche) unterstützt werden.

Das Wohnquartier «Südcampus» in Bad Homburg hat echte Grossprojekt-Dimensionen:

27 Wohnhäuser, eine Kindertagesstätte, sieben Tiefgaragen mit zusammen ca. 80 000 m2 Bruttogeschossfläche auf einer Arealfläche von rund 40 000 m2
Bausoll: 540 Wohnungen, Kita, Tiefgaragen
Baubeginn: voraussichtlich Ende 2020
Bauzeit: 38 Monate