20 000 Meilen unter der Erde – zumindest annähernd

Für die Verlängerung der Metro Linie B in Lyon erstellt Implenia einen 2,4 km langen Tunnel in lockerem Untergrund. Der unter Druck stehende Schneidkopf der Tunnelbohrmaschine muss bei extremer Feuchtigkeit, Hitze und hohem Umgebungsdruck gewartet werden. Kein Problem für unsere französischen Kolleginnen und Kollegen, die für dieses komplizierte Verfahren zertifiziert sind.

Hyperbare Arbeiten unter Tage

Für die Erweiterung der Linie B ist «Coline» im Einsatz, eine Tunnelbohrmaschine (TBM) mit variabler Dichte, die für Böden mit grosser geologischer Komplexität konzipiert ist. Um den Untergrund zu stabilisieren und Einstürze zu vermeiden, wird ein konstanter Druck ausgeübt, der den herausgelösten Grund zusammenhält. Die Zone vor dem Schneidkopf ist ein geschlossener Bereich, in dem der Druck dreimal höher ist als der Luftdruck. Das entspricht einem Tauchgang in einer Tiefe von rund 20 m. Wartungsarbeiten an der TBM und der Ersatz von verschlissenen Schneidwerkzeugen müssen innerhalb dieser Zone erfolgen.

Diese sogenannten «hyperbaren Einsätze» werden gemäss einem kontrollierten Verfahren von Mitarbeitenden durchgeführt, die für Einsätze in unter Druck stehenden Bereichen geschult sind. Implenia Frankreich hat rund 40 Mitarbeitende, die entsprechend qualifiziert sind. «Sie durchlaufen eine umfassende Ausbildung und müssen anspruchsvollen medizinischen Kriterien genügen», erklärt Karine Puyjarinet, Sicherheitsbeauftragte und Beraterin für hyperbare Prävention. Es werden HNO-Untersuchungen, Blutuntersuchungen, Lungenfunktionsprüfungen, Belastungs- und Drucktests gemacht. In der Regel erfüllen 20 % der Kandidaten nicht alle Anforderungen.

«Die Durchführung derartiger Operationen ist eine Stärke der Gruppe, weil wir eigenständig sind und schnell eingreifen können», sagt Denis Vialle, Leiter Untertagearbeiten und Betriebsleiter für hyperbare Arbeiten. Je Einsatz arbeiten zwei bis drei für Druckumgebungen geschulte Mitarbeitende zusammen, wobei sämtliche Vorgänge mit höchster Präzision durchgeführt werden. Die Temperatur kann über 40 Grad Celsius, die Luftfeuchtigkeit nahezu 100 % betragen. Die einzelnen Ersatzteile wiegen bis zu 200 kg und bedürfen einer äusserst sorgfältigen Handhabung. «Je nach geologischer Beschaffenheit muss dieser Vorgang einmal alle zwei Wochen durchgeführt werden, etwa bei Lehmböden. Er kann aber auch bis zu einmal pro Tag notwendig werden, wenn wir in Granit und Schwemmböden bohren», sagt Armand Dupre, zuständig für die TBM-Produktion und Betriebsleiter für hyperbare Arbeiten. Für die ersten 700 Tunnelmeter wurden bereits 47 Einsätze durchgeführt.

Verlässliche Partnerschaften

Das Zentrum für Hyperbarmedizin des Edouard-Herriot-Spitals, das sich in unmittelbarer Nähe zur Baustelle befindet, betreut die Teams bei ihren Einsätzen. Das medizinische Fachpersonal kann bei Zwischenfällen schnell eingreifen und Verletzte behandeln. Dafür steht eine hyperbare Dekompressionskammer zur Verfügung. Arbeiten unter Druck können zu starken Gelenkschmerzen führen und in bestimmten Fällen eine Dekompression in einer medizinischen Druckkammer erforderlich machen.

Dank einer Partnerschaft mit Azoth System ist die Baustelle ausserdem mit einem tragbaren Doppler-Gerät ausgestattet. Beim O’Dive-System handelt es sich um ein medizinisches Gerät, mit dem sich Mitarbeitende nach jedem Einsatz untersuchen können. Die Ergebnisse zeigen, unter welchen Arbeitsumständen die Gefahr eines Dekompressionsunfalls mehr oder weniger hoch ist. So lassen sich Risiken durch Anpassung der Dekompressionsverfahren verringern. Das experimentelle System hat sich bei Meerestauchgängen bewährt, war aber bei hyperbaren Operationen in trockener Umgebung wie Untertagearbeiten bisher noch unbekannt.

Projekt-Eckdaten

Komplexer Bauvorgang
Hochmoderne technische Anlagen 
TBM mit variabler Dichte: eine von drei in Frankreich
Masse: 120 m lang, 10 m Durchmesser, 2200 t Gewicht
Leistung vergleichbar mit TGV: 7,6 MW