Bauen in der Kälte: Schutz für Mensch, Material und Maschinen

Im malerischen Tourismusort Andermatt, das sich am nördlichen Fuss des berühmten Gemsstocks in den Zentralschweizer Alpen befindet, entsteht mit «The Alpinist Andermatt» ein neues Tophotel mit Residenzen. Implenia realisiert den Neubau als Totalunternehmer für die Andermatt Swiss Alps AG. Ende des letzten Jahres wurde der Rohbau planmässig bis ins sechste Obergeschoss hochgezogen, zwei weitere Geschosse folgen bis zum Frühling. Auch bei Schnee und tiefen Minustemperaturen laufen die Arbeiten weiter. Hier oben beträgt die durchschnittliche Tagestemperatur im Januar -9 Grad; dieses Jahr waren es auch schon -20 Grad.
«Bauen im Winter auf 1’450 Metern über Meer ist ein Abenteuer.»
Andreas Gruber, Projektleiter
«Bauen im Winter in diesen hohen Lagen ist immer auch ein Abenteuer», erklärt Projektleiter Andreas Gruber. Umso wichtiger sei eine vorausschauende Planung und das Berücksichtigen der drei Ms: «Wir denken immer in drei Blöcken: Menschen, Materialien und Maschinen. Alle drei reagieren empfindlich auf Kälte – und alle drei müssen wir schützen, wenn wir sicher und qualitativ bauen wollen.»
M wie Mensch: Massnahmen gegen Kälte und Rutschgefahr
Tiefe Temperaturen, Nässe und vereiste Flächen erfordern klare Schutzkonzepte für die Mitarbeitenden. Diese reichen von geeigneter Kleidung über Möglichkeiten zum Aufwärmen bis hin zur Sicherung der Lauf- und Arbeitswege.
Schützende Kleidung: Der Schutz der Mitarbeitenden steht an erster Stelle. Grundlage sind die Vorgaben und Empfehlungen der SUVA. «Zwingend für die Mitarbeitenden ist eine Schutzausrüstung, die sie vor Kälte und Nässe schützt – und zwar bereits ab plus drei Grad», erklärt Projektleiter Andreas Gruber. Die Haut, insbesondere an Fingern, Zehen, Ohren und Nase, muss vor Erfrierungen geschützt werden. Gleichzeitig darf die Beweglichkeit nicht eingeschränkt sein. Wer mit klammen Fingern oder steifen Gelenken arbeitet, verliert an Präzision und Reaktionsfähigkeit – ein Risiko auf jeder Baustelle. Hinzu kommt ein oft unterschätzter Faktor: Körperliche Arbeit erzeugt Wärme. Mitarbeitende kommen ins Schwitzen, Kleidung wird feucht und kühlt in der Kälte rasch aus. Deshalb muss es möglich sein, nasse Schichten zu wechseln.
Stationen zum Aufwärmen: Dafür stehen auf der Baustelle in Andermatt beheizte Räume zur Verfügung. Zusätzlich sind Aufwärmstationen geplant, an denen sich Mitarbeitende bei einer heissen Tasse Tee kurz aufwärmen können. Wichtig sei dabei die Lage: «Gemeinsam mit dem Auftraggeber und den Subunternehmen suchen wir Lösungen, damit diese Orte für alle gut erreichbar sind, keinen unnötigen Zeitverlust verursachen und alle Vorgaben berücksichtigen wie etwa, dass dort aufbewahrte Lebensmittel keine wilden Tiere anlocken.» Gerade auf einer grossen Baustelle sei dies immer auch eine planerische Herausforderung und bedarf Abstimmung zwischen den beteiligten Partnern.
Sichere Wege: Neben der Kälte ist auch die Rutschgefahr ein zentrales Thema. Laufwege müssen dauerhaft eisfrei gehalten werden. Die naheliegende Lösung – Salz streuen – ist auf Betonflächen nicht geeignet. «Das Salz dringt in die Betonporen ein und kann die Bewehrung angreifen», erklärt der Projektleiter. Deshalb setzt das Team auf Abdeckungen und Folien: «So verhindern wir, dass Eis überhaupt entsteht oder der Beton mit Enteisungsmitteln in Kontakt kommt.»
M wie Material: Betonieren bei tiefen Temperaturen
Beim Material ist der Beton kritisch – er reagiert empfindlich auf Kälte. «Bei einer Betontemperatur nahe dem Gefrierpunkt kommt die Festigkeitsentwicklung praktisch zum Stillstand», erklärt Andreas Gruber. Dies verhindert sein Team mit verschiedenen Massnahmen, die in Abhängigkeit von der Temperatur getroffen werden. «Wir wärmen als erste Massnahme die Zuschlagstoffe, das heisst die Gesteinskörnungen, vor, und bauen dann die warme Betonmischung ein.» Als zweite Massnahme werden Frostschutzmittel eingearbeitet und als dritte der Zementgehalt erhöht bzw. die Betonrezeptur angepasst. Schliesslich werden die frisch betonierten Bauteile eingepackt und allenfalls mit Heizlüftern temperiert.
«Bei hohen Temperaturen und voluminösen Bauteilen werden dem Beton Eiswürfel beigemischt; bei tiefen Temperaturen die Zuschlagsstoffe vorgeheizt.»
Andreas Gruber, Projektleiter
Was jedoch zu berücksichtigen ist, dass Sichtbeton optisch auf unterschiedliche Einbautemperaturen reagiert: Farbe und Oberflächenwirkung können variieren. «Deshalb erstellen wir äussere Sichtbetonflächen möglichst im gleichen Temperaturbereich.» Auch muss das Team in Andermatt die Ausschalzeiten anpassen. Bei Kälte bleibe der Beton länger in der Schalung. Bei zwischen -5 und -10 Grad seien zusätzliche Messungen notwendig, um die Festigkeit zu dokumentieren. Und unter -10 Grad ist Schluss mit Betonieren.
Der Bauablauf wird deshalb stets in Abstimmung mit der Wettervorhersage geplant und angepasst. Im Bauprogramm sind witterungsbedingte Unterbruchstage einkalkuliert. Denn auch starker Schneefall ist problematisch. «Wir sprechen hier von einem Meter Schneefall innert einer Stunde und mehr.» Dann stelle man sich vor: Die Schalung steht und bevor der Beton kommt, füllt sich das bewehrte Volumen mit Schnee statt mit Beton. «In der Praxis bedeutet das: rechtzeitig stoppen, abdecken und gegebenenfalls manuell räumen. Oder kurz gesagt: schaufeln statt bauen. Frühere Versuche, den Schnee mit Wasserdampf zu schmelzen, sind keine gute Empfehlung. Da der Wasserdampf nach aussen getragen wurde, vereisen die Gerüste.»
Bauen im Hochgebirge: «The Alpinist» in Andermatt

Seit März 2025 baut Implenia in Andermatt «The Alpinist». Das 5-Sterne Lifestyle- und Sporthotel beherbergt 164 Residenzen, 66 Hotelzimmer, Innen- und Aussenspa, Sportzentrum, Restaurants, Bars, Co-Working und Parking. Die Fertigstellung ist im November 2027 geplant.
MEHR zum PROJEKT
M wie Maschinen – Betrieb und Sicherheit bei Kälte
Neben dem Schutz der Mitarbeitenden und dem richtigen Materialeinsatz spielt auch der zuverlässige Betrieb von Geräten und Maschinen eine zentrale Rolle im Winterbetrieb. Tiefe Temperaturen beeinflussen Leistung, Materialeigenschaften und Betriebssicherheit technischer Anlagen.
Geräte und Maschinen schützen: Maschinen reagieren empfindlich auf tiefe Temperaturen. Akkus zum Beispiel verlieren bei Minusgraden deutlich an Leistung und bremsen so akkubetriebene Geräte aus. Die Lösung besteht darin, Akkus in warmen Bereichen zu lagern und erst kurz vor dem Einsatz zu verwenden. Aber auch andere Geräte leiden unter der Kälte. «Schmierstoffe verändern bei tiefen Temperaturen ihre Viskosität, sodass flüssigkeitsgekühlte Maschinen temperiert werden müssen», betont der Bauingenieur. So werden gewisse Maschinen wie Kompressoren und Betonpumpen bei Bedarf eingehaust, wobei gleichzeitig darauf zu achten ist, dass keine Überhitzung entsteht.
Kamera überwacht Schnee auf dem Kran: Auch Kräne stellen im kalten Winterwetter eine besondere Herausforderung dar. Schnee und Eis können sich am Ausleger ansammeln und bei Tauwetter oder Wind herabfallen. Das ist auch jenseits des Baustellenareals gefährlich, da sich die Nationalstrasse im Schwenkbereich der Kranausleger befindet. Als Massnahme wird der Ausleger permanent per Kamera überwacht. Sobald sich Eis bildet, wird der Bereich abgesperrt und Fachpersonal des Kranherstellers entfernt Schnee und Eis manuell. In extremen Fällen müsste sogar der Ausleger demontiert werden, was erhebliche Auswirkungen auf den Bauablauf hätte.
Sicher weiterbauen
Trotz winterlicher Bedingungen schreiten die Arbeiten gut voran. Aktuell werden Wände betoniert und Holzelemente an der Fassade versetzt. Und dank der inzwischen in Betrieb genommenen 200-kW-Bauheizung und der provisorischen Schliessung der Rohbauöffnungen können auch die Trockenbau- und Innenausbauarbeiten starten. Parallel dazu laufen Installationen der Haustechnik innerhalb der Steigzonen. «Besonders kältekritisch sind dabei vor allem Abdichtungsarbeiten, die klebetechnisch Mindesttemperaturen erfordern», sagt der Projektleiter. Auch die teilweise hohen Windgeschwindigkeiten beeinflussen den Bauablauf: Ist der Wind zu stark, müssen Montagearbeiten an der Fassade unterbrochen werden. Hinzu komme die Abwägung bei anhaltendem Schneefall. «Da müssen wir jeweils sorgfältig prüfen, ob Schneeräumungen noch effizient sind – oder wir uns vorübergehend von der Witterung geschlagen geben müssen.»
Am Ende ist Bauen im Hochwinter der Alpen stets ein Balanceakt aus Ingenieurwissen, Erfahrung und Pragmatismus. «Wer vorausschauend plant und eng mit allen Beteiligten zusammenarbeitet, kann auch bei Schnee und in definierten Temperaturbandbreiten sicher und effizient weiterbauen», fasst Projektleiter Andreas Gruber zusammen.








