Sicherheit ist Führungssache

Walter Wolf, Leiter Markt Nordwest / Bern und Baueinheit Nordwestschweiz, kann mit seinem Team seit Jahren die tiefsten Unfallzahlen der Gruppe vorweisen. Im Gespräch erklärt er, wie das gelingt. 

Rekordtiefe Unfallzahlen, und das seit Jahren: Wie schafft ihr das? 
Walter Wolf:
 Arbeitssicherheit kommt bei uns an erster Stelle, und das wird schon seit Jahren so gelebt, und zwar von ganz oben und mit sehr viel Nachdruck. Unser Sicherheitsbeauftragter Jörg Häller schaut genau hin. Bei der Sicherheit gibt es keine Kompromisse, sie ist nicht verhandelbar. Sicherheit ist wichtiger als Gewinn, wichtiger als Pünktlichkeit.  

«Sicherheit kommt bei uns an erster Stelle.» 

Walter Wolf, Leiter Markt Nordwestschweiz / Bern und Baueinheit Nordwestschweiz 

 

Wie kommt die Botschaft bei der Basis an? 
W.W.: Das ist tatsächlich nicht so einfach. Wir müssen sicherstellen, dass die Leute uns nicht nur hören, sondern auch verstehen. Und dass sie ihr Verhalten entsprechend anpassen. Nehmen wir unsere Sicherheitsregel 1: Im Zweifel sage ich STOPP! Viele haben Mühe damit, wollen den Kollegen nicht anschwärzen beim Vorgesetzten. Oder wenn einmal etwas kaputt geht, ein kleiner Sachschaden entsteht, den so vielleicht niemand sieht, fragen sie sich: «Muss ich das wirklich sagen und erklären, warum mir so etwas Blödes passiert ist?» 

Aber das ist es ja gerade: Wo einmal etwas passiert, passiert es vielleicht wieder. Deshalb haben wir Regel 6: Ich melde jeden Vorfall sofort. Jeden, auch den kleinsten. Ich höre immer wieder: «Das ist ja völlig übertrieben!» Aber jeder Unfall ist ein ausserordentliches Ereignis und wir wollen ja nicht warten, bis etwas Grosses passiert. Das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann, ist, dass ich einmal zu einem Mitarbeiter nach Hause gehen und seiner Familie erklären muss, dass der Sohn oder die Tochter, der Mann, der Vater nicht mehr nach Hause kommt. 

Gibt es auch Widerstände gegen Regel 6? 
W.W.:
 Wir hatten schon Fälle, wo jemand, der einen Unfall oder eine Regelverletzung gemeldet hat, das von den Kollegen zu spüren bekommen hat. Auch da müssen Vorgesetzte hinschauen und eingreifen und manchmal auch Leute auf andere Baustellen versetzen. Was gar nicht geht, dass sich jemand an die Regeln hält und dann bestraft wird.  

Worauf müssen Vorgesetzt noch achten? 
W.W.:
 Sie müssen Sicherheit vorleben – und zwar kompromisslos. Gerade wenn die Zeit drängt, ist es so leicht, nicht genau hinzusehen. Jeder kennt die Situation: Man ist knapp dran für den nächsten Termin. Mir ist das auch schon so ergangen. Ich sitze im Auto und schaue noch einmal zurück – und sehe einen Mitarbeiter, der auf dem Dach eines Lastwagens steht und eine Glühbirne an der Decke austauscht. Ich gebe zu: Die Versuchung ist riesig, das einfach nicht zu sehen und endlich abzufahren, damit ich nicht noch später zu meinem Termin komme.

«Die Versuchung ist gross, nicht so genau hinzusehen.» 

Walter Wolf 

Aber genau das geht nicht! Ich steige also wieder aus und rede mit dem Mann. Der erklärt, dass es doch ein Wahnsinn ist, für so eine Kleinigkeit eine Hebebühne zu installieren. Was das kostet! Stimmt. Aber wenn etwas passiert, ist der Preis viel, viel höher. Das kann ich gar nicht oft genug wiederholen. Sicherheit geht vor. Kosten und Termine kommen an zweiter Stelle. Immer. Und wer das nicht akzeptiert, kann gehen. 

Gibt es das? Dass jemand gehen muss, weil er sich nicht an die Sicherheitsvorgaben hält? 
W.W.:
 Ja. Vor Jahren haben  Poliere den Aufstand geprobt und sich vor einer ganzen Gruppe geweigert,  einen Helm zu tragen. Zu heiss! Da heisst es, hart bleiben. Helm auf oder einen neuen Job suchen. Das Thema Helm wird seither nicht mehr diskutiert. Ich habe selbst ansonsten wirklich gute Mitarbeiter aus genau diesem Grund erst verwarnt und dann entlassen. Verantwortungsloses Verhalten liegt bei Implenia nicht drin und ist ein Kündigungsgrund. Das hat sich inzwischen rumgesprochen. So müssen Vorgesetzte auf jeder Stufe dafür sorgen, dass die Sicherheitsbestimmungen kompromisslos eingehalten werden, auch wenn das unbequem ist und man sich unbeliebt macht. Sicherheit muss vorgelebt werden, nur so haben wir eine Chance.  

Wie stellt ihr sicher, dass alle das so handhaben? 
W.W.:
 Arbeitssicherheit bekommt bei uns viel Raum. Wir haben in unserer Region den besten Sicherheitsbeauftragten. Jörg Häller ist auf den Baustellen präsent, korrigiert und stellt so kompromisslos sicher, dass die Vorgaben auch wirklich eingehalten werden. Wir haben jährliche Schulungen, aber auch bei den monatlichen Bauführersitzungen haben wir das Thema «Gefährliche Situationen» jedes Mal auf der Traktandenliste und abwechselnd muss immer jemand eine Präsentation zu dem Thema machen. Hat es einen Unfall gegeben, wird er besprochen: der Hergang, die Ursache und eine mögliche Lösung für das Problem. Auch das motiviert: Wenn immer der Gleiche Unfälle besprechen muss, fragen sich am Schluss auch alle, warum.  

Wo liegen die grössten Widerstände und Herausforderungen? Unbequeme Helme? 
W.W.:
 (lacht) Nein, ich glaube, die Helmtragepflicht ist inzwischen kein Thema mehr. Was immer wieder Schwierigkeiten macht, ist der Bereich Maschinentechnik: Implenia muss dafür sorgen, dass jeder Mitarbeiter für jede Maschine, die er bedient, auch geschult ist. Das bedeutet zusätzlichen Koordinationsaufwand, aber darum kommen wir nicht herum. Dann haben wir noch das Thema anschnallen im Bagger, oder konsequent die Türen zumachen. 

Wo lauern die meisten Gefahren? 
W.W.: Absperrungen, Signalisationen, Arbeitsräume, aber auch die Reinigung des Belagsfertigers. Oft sind die Lösungen auch nicht so eindeutig. Da darf man die Mitarbeiter nicht allein lassen bei der Suche nach praktikablen und sicheren Abläufen. 

Du sagst selbst, dass der Kosten- und Termindruck manchmal dazu verleiten, Sicherheitsmassnahmen zu umgehen. Wie gehen wir mit diesem Dilemma um? 
W.W.:
 Damit müssen wir leben. Vor einiger Zeit hatte ich einen Zusammenstoss mit einem Bauherrn. Wir haben in einem Strassentunnel gearbeitet und dafür nach Ende der Hauptverkehrszeit eine Fahrbahn abgesperrt. Damit das sicher genug ist, wollte ich einen Anpralldämpfer, der verhindert, dass ein Auto in unsere Leute hineinrast, wenn es nicht rechtzeitig die Spur wechselt. Die Bauleitung fand die Forderung nicht so lässig, da gerade kein Anpralldämpfer zur Verfügungstand. Sie wollten, dass wir ohne weiterarbeiten. Da habe ich nein gesagt, STOPP! Auch als er gedroht hat, uns den Werkvertrag zu entziehen. Ich habe dann bei seinem Vorgesetzten interveniert und die Sache geregelt. Im Notfall aber hätte ich auf den Auftrag verzichtet. Und ich weiss, dass ich bei Implenia mit dieser Entscheidung unterstützt würde.  

«Menschen vertrauen uns ihre Kinder, Partner oder Eltern an!» 

Walter Wolf

Am Schluss muss ich mit mir selbst im Reinen sein, mich am Abend im Spiegel anschauen können. Das geht nur, wenn Menschen und ihre Gesundheit Vorrang vor allem anderen haben, auch wenn es manchmal unangenehm ist. Ich wiederhole es immer wieder: Denken wir an unsere Familien. Menschen vertrauen uns ihre Kinder, Partner, Eltern an und erwarten, dass sie am Abend gesund nach Hause kommen. Verhalten wir uns entsprechend!